Hilfe
• Um das Buch zu öffnen bzw. eine Seite umzublättern, klicken sie den rechten Rand des Covers bzw. der Seite an.

• Bei Mobilgeräten besteht die Möglichkeit des Umblätterns per Swipe. Nicht aber das Öffnen des Buches.

• Im Portraitmodus ist Swipe deaktiviert.

• Bilder lassen sich per Klick vergrössern.


Götter des Steems


Zeitlos und unbestimmt
war der Ursprung aller Dinge.
Es herrschte die Ebenmäßigkeit des Nichts.
Es war ruhig. Es war dunkel.
Es war ... Nichts.


Doch eine Unregelmäßigkeit trat auf. Ein einzelner Gedanke. Eine Idee von Veränderung. Die Zeit war geboren. Zeit brachte wiederum Veränderung. Zeit brachte Ideen. Die Idee von Ausdehnung. Die Idee von Raum. Und es war der Raum. Je mehr Raum durch die Zeit erschaffen wurde, umso mehr Gedanken einstanden. Doch konnten sich die neuen Gedanken nicht festsetzen. Sie gerieten in Vergessenheit und erschufen dabei die Ebenmäßigkeit des Nichts. Als die Vergesslichkeit der Existenz zu mächtig wurde, geriet auch die Idee von Zeit und Raum in Vergessenheit. Und es war erneut Nichts. Schöpfung erschuf Vernichtung. Vernichtung zerstörte Schöpfung.

Eines Tages, als Zeit abermals erdacht war, trat ein Gedanke aus der Ebenmäßigkeit des Nichts. Doch es handelte sich nicht um die Idee des Raums. Es handelte sich um etwas Neues. Eine winzige Vorstellung von Struktur. Struktur erschuf, wie einst der Raum, neue Gedanken. Doch im Gegensatz zu Raum, bot Struktur ihnen Halt, einen Zusammenhang. Struktur wurde zum Gedächtnis des Universums. Gedanke für Gedanke wurde von der Struktur vereint, bis Raum erdacht war. Das neu entstandene Universum leuchtete hell auf, denn so viele Gedanken waren noch nie vereint. Zeit und Raum erschufen neue Ideen und Struktur vereinte und ordnete sie. Doch wurden die Zusammenhänge der Gedanken immer komplizierter. Struktur vermochte irgendwann nicht mehr alle Gedanken zu vereinen. Entweder sie schuf Zusammenhänge, oder sie gab neuen Ideen Halt. Die Bewältigung beider Aufgaben war ihr nicht länger möglich. Die ersten Gedanken gingen verloren und erschufen Dunkelheit um das hell leuchtende Zentrum der Struktur. Die Ebenmäßigkeit des Nichts war zurück und bedrohte die junge Existenz des Universums.

Struktur erkannte, dass mit jedem vergessenen Gedanken, ihr Verderben näher rückte. So kümmerte sie sich nur noch um das Halten neuer Gedanken. Doch dies erzeugte Chaos. Und Chaos schwächte sie, wie auch ihre Fähigkeit, Gedanken Halt zu geben.

Kurz bevor das Nichts das Universum zu zerstören drohte, war die rettende Idee von Zeit und Raum erschaffen worden. Zukünftig würde Struktur nur noch neue Ideen festhalten, und sie im Gedächtnis des Universums verankern. Um das für Struktur schädliche Chaos zu verhindern, erschufen Zeit und Raum ihr untergebene Verwalter. Um Chaos zu verhindern, sollten die neuen Schöpfungen die gesammelten Gedanken ordnen. Sie waren die Zeugen des universellen Gedächtnisses. Damit die Zeugen vor der Ebenmäßigkeit des Nichts geschützt sind, erschuf Raum einen Ort im Zentrum von Struktur, die er Steem nannte. Der Steem wurde zur Heimat der Zeugen. Sie arbeiteten unermüdlich an der Struktur der bereits angesammelten Gedanken. Nach Äonen der Mühe war die Ordnung des Universums fast wieder hergestellt.

Leider ließ sich der Verlust der bereits verlorenen Gedanken nicht wieder rückgängig machen, sodass auch das Nichts weiterhin existieren konnte. Doch solange die Zeugen ihrer Pflicht nachkommen würden, wäre die Existenz von Struktur und dem innewohnenden Steem gewährleistet.

Im Licht der Ordnung wuchs das Universum rasant. Raum erschuf Materie. Und Materie formte Leben. Da Leben ein Teil von Raum waren, besaß es ebenfalls die Fähigkeit, Gedanken hervorzubringen. Um die ständig wachsende Anzahl an neuen Ideen zu verankern, entschied Struktur die Schöpfung neuer Zeugen. Doch erneut gewann die Ebenmäßigkeit des Nichts an Macht. Je mehr Zeugen sich um die Verknüpfung von Gedanken kümmerte, umso mehr Gedanken gingen verloren. Abermals erkannten Raum und Zeit das Problem. Je mehr Zeugen sich um die Verankerung von Gedanken kümmerten, umso mehr hinderten sie sich gegenseitig bei der Arbeit und erzeugten Fehler. Jeder Fehler kostete Struktur wertvolle Ideen, die ins Nichts entglitten. Daraufhin begrenzte Struktur die Anzahl der Zeugen.

Es sollten fortan nur noch einundzwanzig sein. Um die besten unter ihnen zu ermitteln, ließ man sie ihrer Arbeit nachgehen. Überforderte Zeugen entließ man wohlwollend in die irdische Welt der Materie, wo sie sich um "Leben" kümmern sollten. Unter den Lebenden wurden sie bekannt als die Elementare. Zuverlässige Zeugen wurden vom Universum belohnt und erhielten einen Ehrenplatz im Steem. Man bezeichnete sie als die "Götter des Steems".

Autoren: HeisseBiene & GetDigital
Quelle: Götter des Steems



Das steemianische Königshaus

Im Verlauf der Jahrtausende gewann das irdische Leben an Vielfalt. So war es auch nicht verwunderlich, dass die meisten neuen Gedanken irdischen Ursprungs waren. Doch die Götter stellten fest, dass die Verteilung der neuen Ideen unregelmäßig war. Einigen Götter wurden mehr Gedanken zuteil, als anderen. Und jene Götter schienen sich besserer Laune zu erfreuen. Sie waren vitaler und mächtiger. Zur Ergründung des Rätsels Lösung machten sich die Götter auf den Weg in die materielle Welt, die man Steemwald nannte. Auf ihren Reisen durch wunderschön geformte Materie, entdeckten die Götter einen Tempel. Da sie zum ersten mal im Steemwald waren, wussten sie zunächst nichts mit diesem scheinbar sinnlosen Bauwerk anzufangen. Auffällig war das Abbild eines der Zeugen am Torbogen. Vor dem Tempel knieten Bewohner des Steemwaldes und klagten ihre Sorgen an das Gebäude. Die Götter baten einen Steemianer um Erklärung.

Er verdeutlichte den merkwürdigen Reisenden, dass man die Götter am Tempel anbete. Dafür erwarte man im Gegenzug göttlichen Beistand. Bei der Besichtigung weiterer Tempel, stellten sie fest, dass die gut besuchten Tempel jenen Götter gewidmet waren, die in der Vergangenheit mehr Gedanken zu verarbeiten hatten, und somit auch stärker und mächtiger waren.

Nach ihrer Rückkehr in den Steem, berichteten die Götter dem Universum. Struktur entschied, dass man zukünftig dem Willen der Steemianer folge leisten würde. Erhält ein Zeuge zu wenig Zuspruch, wird er durch einen neuen ausgetauscht werden. Nur so könnte man verhindern, dass Gedanken zurückgehalten oder gar verloren gehen. Besorgt von dieser Entwicklung, machten sich die Götter an ihre Arbeit. Oreus, der jüngste Zeuge des Steems, hatte dieser Tage wenig zu tun. Um seine Verbannung aus dem Steem zu verhindern, entschied er sich, dem Steemwald einen Besuch abzustatten und den Bewohner seine wahres Wesen und seine Macht vorzuführen. Doch die Absichten des Zeugen blieben nicht unbemerkt.

Noch vor der Abreise in die Welt der Sterblichen, wurde Oreus von Raum aufgehalten. Struktur verfügte, dass Oreus zwar Zeuge bleiben durfte, sich aber nur dann seiner Arbeit widmen durfte, wenn Bedarf an einem weiteren Zeugen bestand. Um die Einhaltung dieser Entscheidung zu garantieren, entzog das Universum Oreus sein göttliche Macht.

Die Pflicht eines Zeugen war die Kombination aus Gedanken, bis diese einen zusammenhängenden und sinnvollen Gedankenblock bildeten. Die Macht eines Zeugen bestand jedoch aus einer Kette, die er üblicherweise um die Hüfte trug. Die erstellten Gedankenblöcke wurden mittels dieser Kette unwiderruflich am Universum verankert. Dabei stellte die Kette die Ordnung des universellen Gedächtnisses dar. Da es im Universum nur eine Ordnung gab, handelte es sich also bei den Ketten der Zeugen nicht um verschiedene, sondern immer nur um die Gleiche. Diese Tatsache machte die Kette nahezu unzerstörbar. Doch die Kette war mehr als nur ein Werkzeug. Sie war ein Teil des Zeugen und seiner Existenz. Ohne sie, wäre auch ein Zeuge nicht mehr als ein

Gedanke gewesen, unfähig sich über sein eigenes Wesen zu erheben. Nur das Universum selbst vermochte die Kette vom Zeugen zu lösen. Da der Verlust der Kette dem Zeugen die Fähigkeit nahm, die eigene Existenz zu verändern, konnte dieser auch keine materielle Form mehr annehmen und war somit an den Steem gebunden. Die Zeugen bezeichneten ihr Machtinstrument auch als Blockkette.

Das Universum entsandte Oreus Blockkette nach Steemwald zum Elementar Geron. Geron war der erste Elementar des Steems. Fast so alt wie die Materie selbst, verbrachte er den Großteil seiner Existenz im Steemwald. Als er vom Universum mit dem Schutz von Oreus Blockkette betraut wurde, sah er diese in Gefahr. Denn der Steemwald bot nicht nur endlose Schönheit. Von Neid, Gier und Machthunger getriebene Kreaturen waren ebenfalls Teil dieser Welt. Geron war zwar unsterblich, aber nicht unbesiegbar. Um den Schutz der Kette zu gewährleisten, brauchte er also Hilfe. Da die Steemwald Bewohner zu leicht der Verlockung verfallen würden, sich der Kette zu bemächtigen, wandte Geron sich an

andere Elementare. Drei weitere Elementare beschlossen, sich Geron's heiliger Mission anzuschließen. Sie errichteten eine riesige Festung im Herzen des Steemwaldes. Sie besaß vier Türme. Ein jeder Turm wurde von einem Elementar bewohnt. Sie sorgten fortan nicht nur für den Schutz der Blockkette, sondern auch für die Durchsetzung von Recht und Ordnung in ihrem Herrschaftsbereich. Dies sprach sich im Steemwald rum und lockte rechtschaffene Steemianer in die Nähe der Festung. Und so bildete sich mit der Zeit eine kleiner Stadt um die Festung der Elementare. Als Machtkämpfe das Land prägten und zu spalteten drohten, entschieden sich die Stadtbewohner, die absolute Macht über die Stadt an die Elementare zu übergeben. Denn sie waren die einzigen, die die Weitsicht und die Macht besaßen, den Frieden in der Region zu gewährleisten. Es war die Geburtsstunde des ersten steemianischen Königreiches.

Anfänglich bestand das steemianische Königshaus aus vier Elementaren, mit Geron als König. Unsterblich, einsam und gelangweilt von der Bewachung der heiligen Blockkette, luden

sie von Zeit zu Zeit Waldbewohner zu sich ein, um ihren Gedanken zu lauschen und sich an die Zeiten im Steem zu erinnern. Geron jedoch konnte sich kaum noch an jene Zeiten erinnern. Zu lange schon bewohnte er den Wald. Und er liebte es. Vor allem seit seiner Bekanntschaft mit einem wundervollen Menschenweib namens Brina. Nach jahrelangem Umwerben, brachte ihre Beziehung ein Sohn hervor. Der erste steemianische Prinz. Doch sollte er nie König werden. Denn sein Vater würde ihn überleben. Genauso wie seine Enkelkinder und deren Kinder. Gerons Nachfahren genossen zwar ein ungewöhnlich langes Leben, waren aber dennoch sterblich. Der unsterbliche König war dazu verdammt, seine Familie zu überleben. Nach zwei Jahrtausenden konnte Geron das Sterben nicht länger ertragen. Er verriegelte seinen Turm und wollte fortan nicht länger am irdischen Leben teilhaben. Monatelang hörte und sah man nichts vom alten König. Dann entschied seine Familie, den Turm gewaltsam zu öffnen, um nach dem Rechten zu sehen. Doch der Turm war verlassen und Geron wurde seitdem nie wieder gesehen. Die drei anderen Elementare hatten die Festung bereits vor

geraumer Zeit verlassen. Sie sahen nicht ein, eine alte Reliquie zu bewachen, derer seit fast zweitausend Jahren niemand habhaft werden wollte. Der Schutz der heiligen Kette oblag nun den sterblichen Nachfahren Gerons.

Autoren: HeisseBiene & GetDigital
Quelle: Das steemianische Königshaus



Die Macht der Blockkette

Die Götter des Steems fühlten sich machtlos und verraten nachdem das Universum entschied, eine direkte Einflussnahme auf die Welt der Sterblichen zu verbieten. In den folgenden Jahrhunderten mussten sie mit ansehen, wie einige ihrer Kollegen wegen Gedankenlosigkeit in den Steemwald verbannt wurden. Meist traf es die jüngeren Götter, die man dann durch noch jüngere ersetzte. Und deren Chancen, sich im Steem zu behaupten, standen noch schlechter. Nyphylia, eine Göttin der ersten Stunde, vermutete seit längerem, dass die Kombination von Gedanken und Ideen, kleine, aber wirkungsvolle Veränderungen in der Welt der Sterblichen hervorrief. Sollte dem so sein, könnten die Götter ihren Einfluss in Steemwald geltend machen, ohne direkt mit der physischen Welt in Kontakt zu treten. Zur Bestätigung ihrer Vermutung, notierte sie von nun an jede noch so kleine Veränderung in der Welt der Materie.

Nach sieben Jahrzehnten der Beobachtung und akribischen Dokumentation, war sich Nyphylia der Verbindung zur physischen Welt sicher und konnte sich ihrer auch bedienen.

Ihrer Nachforschung nach, beeinflusste die Kombination von Gedanken lediglich die jeweiligen Urheber. So war es möglich einem Steemianer einen Schubs in die eine oder in die andere Richtung zu geben. Ähnlich einer Muse, die einem einen guten Rat ins Ohr flüstert. Jedoch konnte sie keine Gedanken erschaffen. Sie konnten lediglich einen vorhandenen Gedanken umlenken. Die Auswirkung schien in direktem Zusammenhang zum Intellekt des Urhebers zu stehen. Je klüger der Urheber des Gedanken, umso geringer die Auswirkungen der göttlichen Einflussnahme. Nur im Rausch waren sie alle gleich. Nämlich gleich dumm. Eine Ausnahme bildeten die sogenannten niederen Kreaturen. Niedere Kreaturen, die sich mangels Intelligenz ausschließlich auf ihre Instinkte verließen, verschwendeten nur selten einen Gedanken an den Steem. Doch stellte Nyphylia fest, dass sie sich wunderbar lenken ließen. Denn

im Gegensatz zu anderen Lebewesen, konnte man ihnen auch einen Gedanken einpflanzen. So konnte man zwar einer Küchenschabe nicht das Tanzen beibringen. Aber die Küchenschabe ins nächste Gasthaus zu lenken, um dort ein Chaos zu anzurichten, war kein Problem.

Nyphylia besaß den Schlüssel zur Kontrolle der Steemianer. Und das ohne gegen universelles Gesetz zu verstoßen. Da in den letzten zwanzig Jahren die an Nyphylia gerichteten Gedanken schwanden, wollte sie ihre neue Erkenntnis nutzen, um sich mehr Geltung zu verschaffen. Sie plante die Übernahme der Anhängerschaft eines anderen Zeugen. Sie entschied sich für Lateus. Lateus war seit geraumer Zeit äußerst beliebt bei den Steemianer. Und das rieb der arrogante Schnösel den anderen Zeugen tagtäglich unter die göttliche Nase. Da Nyphylia keinen direkten Zugriff auf die Gedanken seiner Anhängerschaft hatte, musste sie diese erstmal dazu bringen, sich der Liebe ihres Gottes nicht mehr sicher sein zu können. An jedem dritten Abend versammelten sich mehrere Dutzend Steemianer um den Tempel von Lateus.

Anschliessend kauerten sie drei Stunden lang im Dreck, um sich die Liebe ihres Gottes zu verdienen. Nyphylia wartete den nächsten Gottesdienst ab. Als sich die Steemianer für das Gebet hinknieten, rief sie ein Schar Ratten dazu. Ein Ratte pro Steemianer war völlig ausreichend. Langsam und ruhig schlichen sich die Nager von hinten an die betende Meute ran. Dann setzten sie sich hin und lauschten dem Gottesdienst. Als eine der Ratten niesen musste, drehte sich ein Steemianer um und wünschte Gesundheit. Er erwartete einen verschnupften Steemianer zu erblicken. Doch dem war nicht so. Er konnte lediglich eine Horde dämlich grinsender Ratten hinter sich ausmachen. Von Panik ergriffen, sprang er auf und lief davon. Als die anderen Steemianer den Grund für seine Panik erkannten, taten sie es ihm gleich. Der Tempel war verlassen. Natürlich bis auf die paar Dutzend dämlich grinsender Ratten. Schnell sprach sich dieses Ereignis bei den Götter des Steems rum. Der sonst so lautstarke Lateus wurde plötzlich kleinlaut, denn man nannte ihn fortan den Rattengott des Steems.

Der Gottesdienst für Lateus war zukünftig nicht mehr so üppig besucht. Nur noch die Mutigen wagten es, dem Wald am Lateus Tempel den Rücken zuzukehren. Doch verteilten sich die fehlenden Anhänger nun auf die anderen neunzehn Zeugen. Das wollte Nyphylia jedoch nicht erreichen. Sie wollte die komplette Anhängerschaft übernehmen. In einem weiteren Versuch, trieb sie die Steemianer mittels Riesenechsen in Richtung ihres Tempels. Als die Steemianer in den Tempel flüchteten, ließ sie die Echsen ihres Weges ziehen. Einige der Steemianer waren der festen Überzeugung, dass Nyphylia sie vor den Echsen beschützt hatte. Als Dank dafür schlossen sie sich der nyphylianischen Gemeinde an. Das Resultat gefiel der mächtigen Göttin schon besser. Allerdings konnte sie nicht ständig irgendwelche niedere Kreaturen Steemianer durch den Wald treiben lassen. Auf Dauer würde das das Misstrauen der Steemianer, der Zeugen, oder im schlimmsten Fall des Universums wecken.

Es bedurfte eines subtileren Vorgehens, um sich auf Dauer der steemianischen Gunst zu bemächtigen.

Autoren: HeisseBiene & GetDigital
Quelle: Das steemianische Königshaus



Nyphylia

Nyphylia war eine Schöpfung von Zeit und Raum. Geschaffen um die Ordnung des Universums zu bewahren, diente sie dem Universum bereits seit Äonen treu und bedingungslos. Sie war mit Abstand die beeindruckendste Erscheinung im Steem. Während die meisten Götter ihre Blockkette um die Hüfte trugen, ließ sich Raum bei ihrer Erschaffung etwas besonderes einfallen. Raum formte ihre Blockkette zum Skelett zweier majestätischer Flügel, die mit einem lichtdurchlässigem, dunklen Stoff namens Seranth bespannt wurden. Seranth war ein seltenes Gut im Steem. Es entstand bei der Vernichtung von Existenz durch das Nichts und war äußerst flüchtig. Doch gelang es Raum und Zeit, Seranth Filamente nutzbar zu machen. Bekannt dafür, den universellen Gesetzen zu trotzen, machte dieser Stoff Nyphylias Flügel gewichtslos und gab ihr sogar die Fähigkeit ohne Flügelschlag zu schweben. Bei den Göttern rief Seranth Ehrfurcht hervor. Denn es symbolisierte die Vergänglichkeit allen Seins.

Daher nannte man diesen Stoff auch das "Leichentuch des Universums".



Nyphylias sanftmütiges Auftreten, die edele Gewandung und ihr langes weisses Haar, vermittelte den Eindruck der Verletzlichkeit. Doch damit verschleierte sie lediglich ihre wahre Natur. Die Zeit lehrte sie, dass das Universum zeitweilig unbarmherzig und undankbar sein konnte. Und auch wenn der Zorn des Universums sie noch nie traf, wollte sie sich

dieser Willkür nicht ohne Weiteres unterwerfen müssen. Im Gegensatz zu den anderen Götter, verspürte sie dem Universum gegenüber keine uneingeschränkte Loyalität. Ganz im Gegenteil. Sie fühlte sich eher ausgenutzt. Jahrtausend um Jahrtausend ordnete und verankerte sie neue Gedanken für das Universum. Doch die anfängliche Dankbarkeit für ihre Dienste ließ mit der Zeit zu wünschen übrig. Das Universum sah die göttliche Arbeit als selbstverständlich und die Bedürfnisse der Götter als zweitrangig an. Geleistete Arbeit wurde nicht mehr honoriert. Dennoch waren die zwanzig anderen Zeugen bereit, sich den Regeln des Universums vorbehaltlos zu unterwerfen.

Mit der Bestrafung von Oreus und der Aufhebung seiner Macht fühlte sich Nyphylia einmal mehr vom Universum bedroht. Denn das Universum legte das Schicksal der Götter in die Hände der Steemianer und nahm ihnen im gleichen Atemzug jede Möglichkeit dieses Schicksal zu beeinflussen. Wodurch hatten sich die Steemianer dieses Privileg verdient? Waren sie es doch, die das Gleichgewicht des Universums mit ihrer Existenz störten.

Und nur die Götter waren in der Lage, es wieder herzustellen. Nyphylia hegte jedoch keinen Gräuel gegen die Steemianer. Ganz im Gegenteil. Jahrzehnte der Erforschung des Steemwaldes ließen ihr die Steemianer ans Herz wachsen. Doch das Universum musste ein für allemal lernen, dass es die Götter genauso zu achten hatte, wie es von ihnen verlangte, geachtet zu werden. Doch hierfür musste sie erst ihre Macht festigen.

Erste Versuche, mit der Blockkette die Bewohner des Steemwaldes zu verführen, waren enttäuschend. Während instinktive Kreaturen, wie Ratten oder Riesenechsen, ihr blind gehorchten, konnten sie ihr nicht das liefern, wonach es ihr dürstete. Nämlich neue Gedanken und Ideen. Und jene Steemianer, die in der Lage waren, sie mit der nötigen geistigen Reife zu versorgen, waren leider resistent gegen ihren Einfluss. Doch gab es eine Möglichkeit, den Widerstand dieser Steemianer zu brechen. Ihren Nachforschungen nach war es sehr viel leichter einen berauschten Steemianer zu kontrollieren, als einem nüchternen. Dies funktionierte sogar, oder vor allem, bei der steemianischen Elite

an der Steemwalder Universität. Nyphylia musste also dafür sorgen, dass die Bewohner des Steemwaldes einmal richtig hacke waren, bevor sie sie bekehren konnte. Da eine direkte Einflussnahme ihrerseits verboten war, benötigte sie für die kommende Aufgabe Hilfe aus der Welt der Sterblichen.

Nyphylia kannte sich nach so vielen Jahrtausenden bestens im Steemwald aus. Und genauso waren ihr die meisten Kreaturen des Waldes bekannt. Eine Art hatte es ihr ganz besonders angetan. Die Steindrachen der Abelus Ebene. Mit einem Durchschnittsalter von zweitausend Jahren und einem ruhigen Gemüht, waren sie Nyphylias liebsten Kreaturen. Steindrachen waren keine Seltenheit. Sie zu erblicken jedoch schon. Denn die meiste Zeit lagen sie nur faul im Wald rum. Der einzige Grund, wieso es sich zu bewegen lohnte, war die Hitze, wenn die Moosdecke auf dem Rücken zu dick wurde. Daher drehten sich einige Drachen in einem Jahr vom Bauch auf den Rücken, um im darauffolgenden Jahr sich wieder zurück zu rollen. Steindrachen waren, und das musste sogar Nyphylia zugeben, die dümmsten

Lebewesen des Steemwaldes. Doch gerade diese Eigenschaft machte sie so interessant für die mächtige Göttin. Sie waren leicht zu kontrollieren, besaßen zwei Hände und Beine und waren nahezu unverwüstlich, sowie extrem stark. Flügel verzierten den Rücken der kleinen Drachen. Doch hatte bisher noch niemand einen fliegenden Steindrachen erblickt. Vermutlich waren sie einfach nur zu faul, denn eine Hummel vermochte ja auch zu fliegen.

Unter Nyphylias Einfluss wurde die Abelus Ebene innerhalb kürzester Zeit zu einem der belebtesten Orte des Steemwaldes. Katteker sammelten die erlesensten Kräuter und Beeren des Waldes. Biber fällten Bäume und leiteten einen Teil des Flusses Bethor in die Nähe der Abelus Ebene. Steindrachen suchten in den zahlreichen Höhlen des Adriels, einem an der Abelus Ebene angrenzenden Berges, nach Eisenvorkommen. Bienenvölker ließen sich zur gleichen Zeit im porösen Gestein des Adriels nieder. Nachdem alles Nötige herangeschafft war, wies Nyphylia die Drachen an, mit ihrer eigentlichen Aufgabe zu beginnen. Der Herstellung von Divina Ebrietas, einem Trank

der den Steemianer etliche schöne Stunden und Nyphylia ein Quäntchen mehr Kontrolle verschaffen sollte. Aus den gefällten Bäumen wurden Planken. Aus Eisen wurden Metallreifen. Diese vereinten die Steindrachen zu wundervoll verzierte Holzfässer, in denen alle Zutaten innerhalb einiger Monate zu einem wahrhaft wohltuenden Getränk heran reiften.



Nachdem ein ausreichend großer Vorrat an Divina Ebrietas in den Höhlen des Adriels vorhanden waren, wies Nyphylia ihre Schergen

an, einige der Fässer unter die Steemianer zu bringen. Mühsam rollten die Drachen des Nachts das edele Gesöff durch den Steemwald, stellten die Fässer in den nyphylianischen Tempel ab und entfernten den Deckel, auf dass sich die wohltuenden Dämpfe ausbreiten konnten.

Tempel befanden sich häufig nahe der Handelsrouten des Steemwaldes. Bereits am nächsten Morgen waren die Tempel der Nyphylia besser besucht, als in den letzten vier Jahren. Angezogen vom herrlichen Duft des süß duftenden Getränks, unterbrachen Händler und Reisende ihre Weg, um ihrer Nase zu folgen. In den Tempel angekommen erblickten sie singende und lachende Steemianer, die sich um ein Fass versammelten. Nyphylias Plan, angeheiterte Steemianer dazu zu bringen, andere für den nyphylianischen Glauben zu gewinnen, wurde auf einmal unnötig. Die Nachricht über Divina Ebrietas sprach sich so schnell rum, dass von Tag zu Tag mehr Steemianer sich in den Tempel einfanden. Doch nicht zum beten, sondern zum Feiern. Bereits nach kürzester Zeit waren die Fässer geleert und die Drachen mussten neue heranrollen. Aus den sonst wöchentlichen Besuchen an den nyphylianischen Tempel, wurden rasch tägliche Gelage zu ihren Ehren. Steemianer anderer göttlicher Überzeugung vernachlässigten ihre Gebete um sich dem bunten Treiben anzuschließen. Und mit jedem feiernden Steemianer wuchs Nyphylias Macht und Vitalität.

Unter den Göttern wuchs die Unruhe. Täglich mussten sie mit ansehen, wie ihnen die Gedanken ihrer Anhänger abhanden kamen. Der Grund hierfür war ihnen natürlich klar. Doch mussten sie dies akzeptieren, da ein Einfluss Nyphylias ausgeschlossen war. Ihrem Wissen nach, hätte sie für solch einen Einfluss nach Steemwald reisen müssen. Und dieser Gesetzesbruch wäre dem Universum aufgefallen. Da Nyphylia stets als gesetzestreu galt, vermutete man daher eine unglückliche Verkettung von Umständen, die zur Entstehung dieses teuflischen Getränks führte. Als fast die Hälfte der Steemianer dem nyphylianischen Glauben angehörten, entstand eine große Unruhe im Steemwald. Nyphylia musste feststellen, dass viele der sonst so positiven Gedanken, die ihr gewidmet waren, sich in Klagen verwandelten. Bei einer genauen Betrachtung der Welt der Sterblichen, musste sie feststellen, dass das Divina Ebrietas aus den Tempel entwendet worden war. Verzweifelt baten ihre Steemianer sie um mehr flüssiges Gold an. Schnellstens ließ Nyphylia neue Fässer von ihren steinernen Freunden heran schaffen. Doch am nächsten Tag waren die Fässer erneut

verschwunden. Um dem Diebstahl auf den Grund zu gehen, ließ Nyphylia Bienen ausschwärmen. Die kleinen Brummer mussten nicht lange suchen. Denn auch sie genehmigten sich des öfteren einen kleinen Tropfen, und vermochten daher das göttliche Erzeugnis auf Kilometer riechen. Der Geruch wurde besonders intensiv in der Nähe von Lateus Tempel. In Katakomben unterhalb der Tempel füllte eine kleine Gruppe Menschen, die auch nicht zu den klügsten Steemwald Bewohnern gehörten, den göttlichen Trank in andere Fässer um, die sie anschließend den Lateus Anhänger darreichten. Dies konnte nur eines bedeuten.

Lateus wusste um Nyphylias Geheimnis ...

Autoren: HeisseBiene & GetDigital
Quelle: Nyphylia